Selfpublishing und Vorurteil

Liebe Leser!

Die Frage, ob es gut oder schlecht ist, seine Bücher selbst zu verlegen, geistert ja in einer völlig neuen Auflage aktiv durchs Internet. Ich selbst bin ja alt und vom Schicksal gebeutelt, deshalb kann ich mich noch gut daran erinnern, wie der Buchmarkt vor 20 Jahren funktionierte. Selbtverleger waren unten durch, bevor sie überhaupt angefangen hatten und wären nach Meinung ihrer Freunde und Feinde besser bei ihren Manuskripten geblieben – nämlich in der Schublade. Wer es nicht schafft, einen Verlag zu begeistern, der wird es schon gar nicht schaffen, Leser zu begeistern! Und wer sich auch nur mit dem Gedanken trug, auf eigene Kosten etwas zu veröffentlichen, der wurde gleich von allen Seiten mit der gleichen Warnung gehauen: Pass bloooß auf mit diesen Zuschussverlagen! Die machen nur ein Geschäft mit deiner Eitelkeit!

Tja. Ratschläge sind eben auch Schläge. Ich selber hatte das so oft gehört, dass ich vor vielen Jahren als Anfängerin einen Brief von einer Literaturagentur, die mir ein professionelles Lektorat anbot, um ein (zugegeben sehr dilettantisches Manuskript) unterbringen zu können, entsetzt in die Ecke schmiss. Vorsicht, die wollen nur mein Geld! Dabei hatte das Lektorat im Vergleich zu heutigen Anbietern einen lächerlich kleinen Preis. Äh, mir fällt gerade ein, könnte ich dieses professionelle Lektorat für einen 300 seitigen Roman für 500 Mark jetzt vielleicht noch haben? Nein?

Rückblickend sehe ich vieles aus einer anderen Perspektive und rege mich jetzt über Dinge auf, für deren Reaktion es eigentlich viel zu spät ist. Da ist dieser Vorwurf der Eitelkeit an alle Autoren, die gern veröffentlicht werden wollen. Nach meiner Erfahrung sind gerade ernsthafte Autoren die introvertiertesten und von Selbstzweifeln geplagtesten Menschen, die im Kulturbetrieb unterwegs sind. Das ist auf einer Eitelkeitsskala von 1 bis 10 eine -10. Für diese Autoren hat der Wunsch nach Veröffentlichung wenig damit zu tun, dass sie „bewundert“ werden wollen. Geht es nicht viel mehr darum, Leser zu finden, die die Begeisterung an der eigenen Geschichte teilen, damit man nicht mehr so allein ist auf seiner selbstgebauten Insel? Das Autorenleben ist ein einsames Geschäft und jeder Leser ist eine verwandte Seele, mit der man die Höhen und Tiefen der Geschichte teilen kann wie mit einem Freund. Ein Leser ist also viel mehr als ein zahlender Kunde, der einem ein Brötchen oder eine anonyme Wurst abkauft – er ist ein Verbündeter. Und das hat nichts mit Eitelkeit zu tun.

Auf der anderen Seite stehen die Verlage, die – man glaubt es kaum – knallhart rechnende Wirtschaftsbetriebe sind, sein müssen. Was sich nicht an die breite Masse verkaufen lässt, kann einem Verlag das Genick brechen, und daran hängen Arbeitsplätze. Aus Sicht der Verlage ist es nur natürlich, dass sie lieber auf Nummer sicher gehen und erfolgreiche Lizenzausgaben aus dem Ausland veröffentlichen und auch eher den Roman einer bekannten Schauspielerin veröffentlichen als den einer unbekannten Hausfrau, denn welche von beiden sitzt sowieso in den Talkshows und kann dann auch gleich das Buch promoten?

Es liegt also auf der Hand, dass Autoren, die nicht für die breite Masse schreiben – entweder, weil sie einen sehr speziellen Stil haben oder einfach dieser diffusen Masse noch völlig unbekannt sind – keine Chance haben, Verlagsverträge zu ergattern. Aber muss ihre Arbeit deswegen schlecht sein? Nein, sie ist ebenso wenig zwangsläufig schlecht, wie auf regulärem Weg veröffentlichte Bücher automatisch gut sind!

Es wird also Zeit, dass das Image des Selbstverlegers sich wandelt. Erstmal sollten wir den bornierten Vorwurf der Eitelkeit in die Tonne stopfen. Wenn wir uns von den üblichen Vorurteilen über dumme Autoren, die sich über den Tisch ziehen lassen, um ihr Buch in der Garage stapeln zu können, frei machen, haben wir einen unverstellten Blick auf den aktuellen Buchmarkt und stellen fest, dass beim Selfpublishing sicher viel Schrott rauskommt, aber ebenso Perlen der Literatur, die ohne Selbstveröffentlichung den Weg zum Leser nie gefunden hätten.

Das Beste daran ist: Die Gewinner sind auf jeden Fall die Leser! Gerade, wer in den großen Buchhandlungen auf dem Bestsellerstapel vorne am Eingang nie etwas Passendes findet und immer nur das Gefühl hat, dass ewig der gleiche Kaffeesatz neu aufgebrüht wird, kann bei Self-Publishern im Internet fündig werden. Denn hier tummeln sich tatsächlich auch Bücher, die zwar haarscharf am Geschmack von Verlegern und Bestsellerkonsumenten vorbeisegeln – aber trotzdem brillant geschrieben sind und endlich mal frischen Wind in den Buchmarkt bringen. Diese Bücher und Texte zu finden, gleicht einer spannenden Detektivarbeit und macht Lesen endlich wieder zum ganz persönlichen Abenteuer.

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