Leseproben

Die Igor-Romane von Elisa Groka

Die Geschichte der Pinguine ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Frauen neigen dazu, beim Anblick eines Pinguins die Hände vors Gesicht zu schlagen und zu rufen: „Oh, ist der süüüß!“, während Männer kaum auf die Idee kommen, einen Pinguin als Alpha-Männchen anzuerkennen oder sogar in schwachen Stunden zu denken „Wenn ich nur auch so cool wäre wie dieser verdammte Pinguin … „

Doch damit muss Schlus sein! Igor, investigativ, intellektuell, zynisch und hochbegabt, räumt auf. Mit seinen Memoiren „Schicksalsjahre eines Pinguins“ und „Der Pinguin des Scheichs“ tritt Igor den Gegenbeweis an für alle Vorurteile, die es jemals über Pinguine gab. Mit Leidenschaft und Feuereifer macht er – alles nur noch schlimmer.

Helft Igor, die Wahrheit über Pinguine zu verbreiten! Lest seine Bücher, klärt die Menschen auf, rettet die Arktis! Oder die Antarktis? Ist ja auch egal. Igorianer aller Länder, vereinigt euch!

 

Leseprobe aus „Schicksalsjahre eines Pinguins“ von Elisa Groka, erhätlich in allen bekannten eBook Stores, ISBN 9783734728730, Preis 1,99 Euro

Ich hörte ein Geräusch hinter mir und fuhr herum. Vor mir stand ein riesiger Junge in ärmlicher Kleidung mit einem angeklebten Schnurrbart von erschreckendem Ausmaß. Er lachte höhnisch, dann holte er zum Schlag aus.
Ich riss die Arme hoch, um mich zu schützen, stellte aber fest, dass ich nur kleine schwarze Flügel hatte. Als ich losrannte, merkte ich, dass meine Füße kleine dicke Vogelkrallen waren und ich kaum rennen konnte.
Ich schrie. Etwas Kühles berührte meine Schulter. Ich schlug die Augen auf und schrie noch lauter. Über mich gebeugt stand ein Pinguin und blickte mir starr in die Augen. „Sie haben geträumt.“
Ich riss mir schützend die Decke unters Kinn und schrie weiter. „Waaaaaah! Ein Pinguin!“
Der Pinguin lächelte nun spöttisch. „So beruhigen Sie sich doch. Ich bin es, Igor.“
Ich rieb mir die Augen. „Igor?“
Er nickte. „Igor. Ihr neuer Privatsekretär. Haben Sie das schon vergessen?“
Ich fuhr mir über das Gesicht und wischte mir die wirren Haarsträhnen aus den Augen. „Dann habe ich also nicht einfach nur geträumt, dass Sie bei mir eingezogen sind und mir von Ihrer Kindheit mit Stalin erzählt haben?“
Als Antwort trat Igor zurück und zeigte mit der Flosse auf ein Tablett auf dem Tischchen vor meiner Ottomane. „Ich habe Ihren Kaffee serviert.“
Ich nickte müde. „Oh. Äh, vielen Dank.“
Neben der Tasse lag ein Zettel. Ich nahm ihn zur Hand. „Was ist das? Ein geheimes Dokument?“
Igor setzte wieder diesen kryptischen Blick auf, mit dem er mir schon einige Male zu verstehen gegeben hatte, dass er mich für ziemlich blöd hielt. „Ich habe mir erlaubt, einen Einkaufszettel zu machen. Ihre Vorräte sind so gut wie aufgebraucht.“
Ich nippte an meinem Kaffee und überflog den Zettel. „Sardinen und Heringssalat? Aber ich esse überhaupt keinen Fisch!“
Igor sah mich unter schweren Augenlidern müde an.
Ich schlug mir vor die Stirn. „Ach so, ich verstehe!“
Igor knurrte „Das will ich hoffen!“, und watschelte zurück in die Küche.
Als ich den Einkauf erledigt und mich ein wenig gestärkt hatte, sichtete ich meine Notizen vom Vortag.
Was Igor mir da über seine Lebensgeschichte erzählt hatte, schien viel zu fantastisch, um wahr sein zu können. Ein Pinguin, der als Mitglied einer intellektuellen Minderheit in Georgien in der Grundschule von Stalin verkloppt wurde, vor über hundert Jahren …
Ich beugte mich seufzend über meine kaum lesbaren Aufzeichnungen und versank in Grübeleien.
Als Igor mir von hinten auf die Schulter tippte, schrak ich hoch.
Er sah mich vorwurfsvoll an. „Sie haben Hering in Tomatensoße mitgebracht.“
„Was stimmt damit nicht?“
Igor stellte tonlos fest. „Ich hasse Tomatensoße.“
Ich versuchte, entschuldigend zu lächeln. „Das tut mir leid. Ich wusste das nicht.“
Ohne mich einer Antwort zu würdigen, watschelte Igor zur Ottomane und nahm seine Erzählposition ein. „Können wir fortfahren?“
Sofort zückte ich meinen Stift und setzte mich zu ihm. „Äh, Sie hatten gestern angedeutet, dass Ihr Freund, der Herr Hofrat, Sie an Stalin verraten habe. Wieso hat er das getan?“
Igor durchbohrte mich mit einem stahlharten Blick, dann brach es aus ihm heraus. „Eines Nachts bekam ich eine Warnung zugespielt. Ein Pudel kratzte wimmernd an die Tür unserer ärmlichen kleinen Hütte. Er trug einen aufgerollten Zettel am Halsband. Ich erkannte das Hündchen sofort als den Pudel der kleinen Näherin Katjuscha. Ich dachte, vielleicht habe Hofrat diesen Kanal gewählt, um mir eine Nachricht zukommen zu lassen und löste mit zitternden Flügeln die Botschaft aus dem Halsband. Aber ich kannte die Schrift nicht.“
Ich schnappte gespannt nach Luft. „Was stand darauf?“
Igor lehnte sich zurück. „Sie wurden verraten. Stalin weiß um ein gewisses Dokument in Ihrem Besitz. Trauen Sie niemandem. Fliehen Sie, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist. Jemand, der es gut mit Ihnen meint.“
Ich riss die Augen auf. „Und? Von wem war die Warnung?“
Igor stöhnte. „Sind Sie blöd? Von jemandem, der es gut mit mir meint! Das hab ich doch gerade …“
Ich wischte mit der Hand durch die Luft und sagte wie ein gestresster Gameshow-Kandidat: „Weiter!“
„Als Stalins Erzfeind hatte ich schon lange mit Misstrauen beobachtet, dass er sich mehr und mehr in revolutionären Kreisen bewegte. Er hatte sich inzwischen zum wichtigsten Geldbeschaffer der Bolschewiki hochgeprügelt und sich mit einer Blutspur Respekt verschafft.
Wir hörten, dass er in der Verbannung sei, aber niemand wusste wo, oder ob er überhaupt noch lebt.
Die Angst vor ihm aber blieb. Auch die politische Lage für Pinguine in Georgien war damals schon lange sehr schwierig, und so kam diese Warnung nicht überraschend.
Zar Nikolaus II. gab sich gern als der gütige Vater des Volkes, das er ausbluten ließ. Pinguine gehörten nach seinem Selbstverständnis nicht zu seinem Volk.
Die Popen machten sich die Verzweiflung der hungernden Menschen zunutze und boten mit ihren Kirchen einen halbseidenen Schutz, aber auch sie zählten Pinguine nicht zu den Geschöpfen ihres Gottes.
Manche Pinguine versuchten, sich zu assimilieren und traten der Kirche bei, aber sie blieben immer Fremde. Schließlich verachteten auch die ersten revolutionären Bewegungen die Pinguine als dekadente Minderheit. Wir waren also umzingelt und rechneten jeden Tag mit Repressalien.“
Ich konnte kaum so schnell Notizen machen, wie Igor nun erzählte.
„Ich zeigte meinen besorgten Eltern den Brief. Meine Mutter schnürte sofort mein Bündel, steckte mir ihre letzten, wenigen Kopeken zu, dann küsste sie meine Augen und schob mich zur Tür hinaus in die Dunkelheit. Es war das letzte Mal, dass ich sie lebend sah.“
Für einen Moment verfiel Igor in Schweigen. Ich wagte nicht, zu ihm aufzublicken und sah starr auf meine Notizen.
Nach einem Räuspern fuhr er fort. „Gori lag direkt an der transkaukasischen Eisenbahn. Ich stahl mich im Dunkel der Nacht durch die Gassen bis zum Bahnhof und wartete auf den nächsten Zug. Die Nacht war schneidend kalt und ich wusste nicht, ob ich Gori jemals wiedersehen würde. Ich hatte mich nie heimisch gefühlt in diesem Nest voller ärmlicher Schläger, in dem Prügeleien und Trunksucht das Leben der Menschen bestimmten.
Jetzt aber, da ich fliehen musste, zerriss es mir fast das Herz. Ich hatte keine wirkliche Heimat, die ich verlassen konnte, aber auch keinen Ort auf der Welt, zu dem ich aufbrechen konnte. Ich habe mich nie wieder so verloren gefühlt, wie in dieser einen Nacht.“
Ich wagte nun, zu Igor aufzublicken. Er lächelte mich melancholisch an, so weit ein Pinguin mit Schnabel lächeln kann. Aber ich sah eine Wärme und zugleich Traurigkeit in seinem Blick, die ich vorher nie bemerkt hatte.
Für einen Moment schien er seine Maske aus Zynismus und Härte abgelegt zu haben und mir nah zu sein. Ich schluckte.
Er machte eine Geste in Richtung meiner Notizen. „Können Sie das Geschmiere da eigentlich selbst lesen?“
Ich zuckte die Schultern. „Ich bin Linkshänder“, murmelte ich entschuldigend.
Igor lachte. „Und wenn man nicht schwimmen kann, ist die Badehose schuld.“
Ich sah ihn jetzt unvermittelt an. „Konnten Sie entkommen?“
Igor ließ sich zurück ins Kissen sinken. „Ich sprang auf einen Güterzug auf. Als ein paar Arbeiter Kisten ausluden und für einen Moment nicht aufpassten, sprang ich in einen der Waggons. Eine der Holzkisten hatte einen losen Deckel. Ich las die Aufschrift mit dem Bestimmungsort. Südgeorgien. Ich wusste nicht genau, wo ich auskommen würde, aber ich war verzweifelt und hatte keine Zeit zum Überlegen. Ich hoffte, in einer großen Stadt untertauchen zu können. Hastig kletterte ich also hinein und versteckte mich in der Holzwolle und schlief bald darauf erschöpft ein.“
Ich beugte mich gespannt vor. „Und wo kamen Sie aus?“
Igor sah plötzlich mit großem Interessen auf seine Patschefüße und wackelte damit hin und her wie ein verlegenes Kind.
Dann nuschelte er undeutlich „In Südgeorgien.“
Ich fragte, leicht beschämt über meine nur rudimentären Erdkundekenntnisse: „Liegt Gori denn in Nordgeorgien?“
Igor räusperte sich. „Gori liegt in Georgien.“
Ich rutschte gespannt auf dem Stuhl herum. „Ja, und?“
Igor sah jetzt verschämt zu mir auf. „Südgeorgien liegt im Südatlantik.“
Ich lachte auf. „Was?“
Igor hob nun, wie um seine Verlegenheit zu überspielen, schulmeisternd die Flosse. „Südgeorgien ist eine Inselgruppe im Südatlantik und wurde von Kapitän Cook auf einer seiner Reisen entdeckt und nach King George III. benannt. Und …“ hier machte er eine dramatische Pause, „Südgeorgien ist weltweit eines der größten Brutgebiete für Kaiserpinguine.“
Ich warf vor Begeisterung die Arme in die Luft. „Aber das ist ja wunderbar!“
Igor legte den Kopf schief. „Sehe ich aus wie ein Kaiserpinguin?“
Ich kratze mich hinterm Ohr. „Äh, was für ein Pinguin sind Sie denn überhaupt?“
Igor warf mir einen vernichtenden Blick zu. „Auf jeden Fall keiner von diesen versnobten Kaiserpinguinen.“
Ich fragte mitfühlend „Wurden Sie nicht freundlich aufgenommen?“
Hätte Igor Augenbrauen gehabt, so hätte er jetzt eine hochgezogen. „Oh, doch, alle waren sehr nett zu mir. Sie versuchten sogar, mich in ihre Kolonie zu integrieren.“
„Aber?“
„Pah!“
„Pah?“
Igor sprang jetzt auf und watschelte mit geballten Flügelchen hin und her. „Ich kam aus dem Zarenreich. Wissen Sie um die Kultur Osteuropas? Ich hatte Tolstoi und Dostojewski gelesen, ja, selbst die Werke verbotener Dichter hatte ich mir beschafft! Ich war vertraut mit revolutionärem Gedankengut, ich hatte Tschaikowsky und Rachmaninow gehört, Gemälde gesehen, die den Aufbruch in ein völlig neues Kunstverständnis andeuteten! Ich hatte als junger und leicht zu entflammender Pinguin Impulse und Eindrücke erhalten, die mir für immer die Ruhe raubten und eine maßlose Gier nach Lebenserfahrung und intellektueller Entwicklung in mir geweckt hatten! Ich war hungrig, verstehen Sie mich?!“
Ich fuhr mir über die Augen und versetzte mich zurück in meine eigene Sturm und Drang Zeit. Dann sah ich Igor an und sagte einfach nur: „Ja.“
„Wissen Sie, was es für eine getriebene Seele bedeutet, mit dem Putzplan einer Brutgemeinschaft konfrontiert zu werden?!“ Seine Stimme überschlug sich.
Ich blickte betreten zu Boden. Igor hatte die Nachbarin, die mich regelmäßig daran erinnerte, dass ich vergessen hatte, die Treppe zu putzen, noch nicht kennen gelernt.
Er aber war in Gedanken schon wieder ganz woanders. „Ich war in Gori als dekadenter Intellektueller beschimpft worden, weil mir Bücher wichtiger waren als Prügeleien. Man hatte mich als Bildungsbürger verachtet, mich! Und plötzlich stand ich in einer Kolonie von Pinguinen, die Ehekräche vom Zaun brachen, wenn jemand nicht pünktlich zum Essen erschien oder vor einem Nest nicht gefegt war! Und diese engstirnigen, bornierten Hohlköpfe hielten sich für die Krone der Schöpfung, weil sie Kaiserpinguine waren! Etwas so unerträglich Bürgerliches war mir nie zuvor begegnet! Wären sie Menschen gewesen, sie hätten Bausparverträge abgeschlossen und in ihrer Lebensplanung alle drei Jahre einen Neuwagen mit eingeplant! Diese Pinguine hatten sogar einen öffentlichen Dienst!“
Ich schluckte. „Sie hatten was?“
„Sie hatten einen Bürgermeister, einen unkündbaren Koloniewart und einen Fischbeauftragten! Pah!“
Ich beugte mich misstrauisch vor. „Es gab kurz nach Neunzehnhundert schon einen Fischbeauftragten?“
Igor stemmte die Flügel in die Hüften. „Sein Titel lautete 1. Vorsitzender des Fischkomitees!“
Ich räusperte mich. „Das klingt aber doch alles sehr demokratisch und fortschrittlich für die Zeit …“
Igor grunzte. „So fortschrittlich wie eine Bundeskanzlerin im konservativen Hosenanzug? Oder ein schwarzer Präsident, der seine Regierungsgeschäfte auf Gottvertrauen aufbaut? War es das, was die Aufklärung erreichen wollte?“
„Äh … na ja …äh, nein.“
Igor verschränkte befriedigt die Flügel. „Na, sehen Sie.“
Ich legte den Kopf schief und fragte mich, was für einen kleinen Systemkritiker ich mir da eingehandelt hatte. Mir war nie bewusst gewesen, dass Pinguine vielleicht die menschliche Politik verfolgen.
Igor aber hatte das Thema schon längst wieder abgehakt und kletterte wieder auf die Ottomane. „Können wir weiter machen?“
Ich nickte eifrig. „Ja, sicher! Wie haben Sie es dann in Südgeorgien ausgehalten?“
Igor seufzte nur. „Freaks.“
Ich hakte nach. „Freaks?“
Er zuckte seine kaum vorhandenen Schultern. „In jeder wohlgeordneten Gesellschaft gibt es einige Freaks. Sie wissen schon. Spinner. Gescheiterte Existenzen. Oder viel schlimmer noch: naive Phantasten, die meinen, sich eine alternative Lebensform zurecht geschustert zu haben und gar nicht merken, wie systemerhaltend sie in ihrer Rolle als ‚die Anderen’ sind.“
„Äh … Sie meinen, so wie Linke und Faschisten, die sich gegenseitig als Feindbild bedingen und brauchen?“
Igor legte nachdenklich den Kopf schief. „Nein, ich meinte eher systemerhaltend in dem Sinne, dass sie in ihrer Freakrolle denen, die den bürgerlichen Weg gewählt haben, als abschreckendes Beispiel dienen. Die Brutkolonien der Pinguine sind auf strengen Regeln aufgebaut.
Die Monogamie wird stabilisiert, wenn die Paare gemeinsam das Gleiche hassen können. Sie haben sich schließlich sonst nichts zu erzählen, aber wenn sie sich einig sind, dass der ungekämmte Typ zwei Nester weiter, der keine Partnerin gefunden hat und nicht brütet, ein Versager ist, lässt sie das wieder näher zusammen rücken.
Es stärkt die Bindungen, auf denen ihr Gesellschaftssystem basiert, wenn ein paar Idioten dazwischen stehen.“
Ich legte den Kopf in die Hände. Ich fragte mich, ob das Weltbild dieses Pinguins meinem ähnlicher war, als mir lieb war.
Ich blickte wieder zu Igor auf. „Und Sie gesellten sich also zu den Idioten?“
Igor lachte. „Oh ja!“
„Und, äh, was taten Sie so?“
„Wir hingen rum. Wir zogen uns seltsame Algen rein, um high zu werden. Wir redeten über Weiber. Ein paar mal versuchte ich, das politische Bewusstsein meiner Kumpels aufzurütteln, aber sie hatten wohl keines, das ich hätte aufrütteln können. Eigentlich wollten sie doch nur das, was alle anderen taten. Brüten und putzen. Aber eines Tages hatten wir eine verrückte Idee und damit begann das große Abenteuer meines Lebens.“

Hat Igor dich angesteckt? Willst du mehr? Klick!

 

Leseprobe aus „Der Pinguin des Scheichs“, erhältlich in allen bekannten eBook Stores, ISBN 9783734733703, nur sagenhafte 1,99 Euro

Als wir die Straße endlich erreicht hatten, hörte der Regen schlagartig auf und der Sturm verkam zu einem müden Wind, der verstreute Äste jetzt nur noch lustlos über die feucht glänzende Straße trieb. Ich blieb schnaufend stehen, um zu Atem zu kommen. Gegen meinen Willen überkam mich eine richtige Euphorie. Ich ballte die Faust und rief: „Ja, wir haben es geschafft!“
Igor zischte genervt „Jaja, wir haben es den Bossen da oben richtig gezeigt! Können wir jetzt endlich verschwinden?!“
Plötzlich überkam mich Zorn. „So, wie Sie bei Prunella verschwunden sind?“
Igor, der sich schon zum Gehen gewandt hatte, machte auf der Stelle kehrt und stürmte auf mich los. „Sie sind ja nur eifersüchtig!“
Ich schnaubte. „So einsam kann ich gar nicht werden, dass ich mich in einen alternden fetten Pinguin verliebe, der so schwülstig daher redet wie der Held eines Arztromans!“ Ich äffte ihn höhnisch nach: „Ich werde eine ehrbare Frau aus dir machen!“
„Lassen Sie Prunella aus dem Spiel! Sie mag zwar nicht gerade die Hellste sein, aber im Gegensatz zu Ihnen ist sie wenigstens nicht vertrocknet und verbittert!“
Ich keifte: „Ich? Ich bin vertrocknet? Und was ist das überhaupt für ein alberner Name! Prunella! Das klingt wie eine richtig blöde Kuh!“
Igor verschränkte nun die Flügel und klugscheißerte: „Ein Pinguinweibchen ist keine Kuh, sondern eine Henne!“
Ich lachte höhnisch. „Noch besser! Eine Henne! Ein blödes Huhn!“ Ich riss die Arme hoch und flatterte demonstrativ. „Gock, gock, gock! Wie viele Eier werden wir haben, Igor?“
Igor zischte: „Sie brennen geradezu vor Eifersucht, jawohl! Und gleichzeitig sind Sie zu spießig, sich mit einem Mann einzulassen, der eben, äh … etwas kleiner ist als Sie!“
Ich kreischte: „Etwas?“
Jetzt drehte Igor auf. „Geben Sie es doch zu! Wenn ich in Rudi Valentinos Körper stecken würde, wären Sie verrückt nach mir!“
Das hatte gesessen. Verschämt erinnerte ich mich daran, wie ich geseufzt hatte, als ich bei meiner Recherche Valentinos große Tangoszene angeschaut hatte. Ich war dankbar für die Dunkelheit und mein schwarz verschmiertes Gesicht, aber Igor wusste auch so, dass ich dunkelrot anlief.
„Anbeten würden Sie mich, wenn ich die nötigen Beine hätte, um Sie im Wiegeschritt übers Parkett zu führen! Und jeden Abend würden Sie fragen ‚Wo bist du letzte Nacht gewesen, Igor!’“
Ich lachte dreckig. „Ah, jetzt halten Sie sich wieder für Rick! Ein Held, der beweist, dass kleine Männer auch mal einen Krümel vom Kuchen kriegen!“
Lautstark stimmte ich die Marseillaise an.
Igor schoss vor und hackte mir mit dem Flügel ins Schienbein.
Ich riss die Augen auf. „Sie vergessen sich!“
Über uns wurde ein Fenster aufgerissen und jemand brüllte „Ruhe!“, aber Igor keifte: „So wie Sie sich vergessen, wenn Sie Valentino sehen?“
Ich lachte schallend. „Sie sind ja nur sauer, weil Rudi Pola bekommen hat! Sie sind ein verbitterter, zynischer alter Sack!“
Für einen Moment starrten wir uns hasserfüllt mit hochroten Köpfen an. Beide schnauften wir vor Wut.
Plötzlich aber riss Igor die Augen auf. „Los, drehen Sie sich von der Straße weg und strecken Sie den Arm aus!“
Ich starrte Igor begriffsstutzig an: „Was?“
Er zischte nur flehentlich: „Tun Sie einfach, was ich gesagt habe!“
Dann hechtete er zum nächsten Baum und stützte sich auf alle viere, um ein Beinchen zu heben.
So verharrten wir wie ein Standbild, als ein Streifenwagen quälend langsam an uns vorbei fuhr und in die nächste Seitenstraße abbog.
Ich meinte, mein Herz so laut schlagen zu hören, dass es diesen lauernden Streifenwagen erschüttern müsste, aber die Polizisten sahen wohl das, was sie zu sehen erwarteten. Eine Frau, die zu später Stunde noch einmal ihren Hund ausführte.
Als ich sicher war, dass die Polizisten auch ja keinen Verdacht geschöpft hatten und auch ganz bestimmt verschwunden waren, zog ich unwillkürlich mit der Hand an der unsichtbaren Leine, die ich am ausgestreckten Arm hielt. Ich zischte: „Jetzt kommen Sie schon, Igor, stehen Sie wieder auf! Wir müssen weiter!“
Igor aber hob nur zitternd einen Flügel und griff sich stöhnend ins Kreuz. „Ich kann nicht, ich hab einen Hexenschuss!“
Ich lachte übergeschnappt. „Verarschen Sie mich nicht! Wir müssen hier weg!“
Igor aber wandte unter Schmerzen den Kopf in meine Richtung und streckte bittend den Flügel nach mir aus.
Plötzlich überkam mich tiefstes Mitleid mit dieser armen, geschundenen Kreatur. Was hatte ich ihm bloß alles an den Kopf geworfen!
Aber Igor zischte: „Glotzen Sie mich nicht an wie eine arme, geschundene Kreatur, heben Sie mich gefälligst hoch!“
Ich schüttelte meine Starre ab, beugte mich hinunter und schob vorsichtig die Arme unter Igors Bauch. Er stöhnte, als ich ihn hochhob, und verkrampfte sich.
Ich flüsterte: „Sie brauchen den Bauch nicht einzuziehen, ich weiß, dass Sie Pölsterchen haben! Und jetzt entspannen Sie sich!“
Igor wimmerte „Aber nur, wenn Sie aufhören, wie ein Flummi zu hüpfen! Sie brechen mir noch das Kreuz!“
Wie ein rohes Ei trug ich also Igor vor mir her durch die Nacht und versuchte dabei, wie auf Federn zu laufen.
„Igor, wissen Sie noch, wie wir uns kennenlernten? Damals habe ich Sie auch hochgehoben. Auf den Tisch im Grummelkontor. Wissen Sie noch?“
Igor grunzte: „Jetzt werden Sie mal nicht sentimental.“
Mit Erleichterung stellte ich fest, dass in keinem Hauseingang ein Schatten lauerte, als wir in unsere Straße einbogen. Ich musste Igor kurz absetzen, um den Schlüssel aus meiner Hosentasche zu fingern, dann hob ich ihn wieder vorsichtig hoch und trug ihn, da ich jetzt wieder keine Hand freihatte für den Lichtschalter, durch das dunkle Treppenhaus nach oben.
Als mir auffiel, wie wehrlos und kampfunfähig wir in unserer jetzigen Lage waren, murmelte ich „Gott sei Dank, keine schwarzen Schuhe vor dem Haus!“
Die schwarzen Schuhe lauerten in der Wohnung.

Du willst wissen, was da genau los ist und wie es weiter geht? Klick hier!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s