Der Lesetipp für verregnete Sonntage: Ein-Sterne-Rezensionen bei Amazon!

Wahrum

Liebes Internet!

Heute war einer dieser zum Glück seltenen Tage, die zu nichts taugen, außer Zeit zu verplempern. Das fing schon an, als ich versuchte, etwas von dem „Anti-Stress“-Duftöl, das ich neulich für billig abgegriffen habe, in die Duftlampe zu füllen. Und diese verstockte Flasche wollte absolut keinen Tropfen hergeben. Wie ein Schimpanse im Versuchslabor versuchte Frau Groka, an das Duftöl zu kommen, um „nicht gestresst zu sein“. Klopfklopf, schüttelschüttel, klopf! SCHÜTTELSCHÜTTEL, kipp! „Du verdammte scheiß Arschlochflasche sollst machen, dass ich nicht gestresst bin!“ *schrei*

Nach einer guten Viertelstunde hatte ich rot unterlaufene Augen, Schnappatmung und war gestresster, als ich es ohne „Anti-Stress“-Duftöl jemals hätte sein können! „IGORRRR!“ Und dann kommt dieser verdammte Pinguin, nimmt mir mit einem herablassenden Lächeln das Fläschchen aus der Hand und … tröpfel. Ich hasse die Flasche! Echt.

Ist ja auch egal. Ich wollte dann – den aufdringlichen Entspannungsgestank tapfer ignorierend (drei Tropfen hätten’s auch getan, aber der Pinguin kann ja 3 und 30 nicht unterscheiden … ) – doch noch was Sinnvolles tun und befasste mich mit den youtube-Videos aus der Self-Publishing Area der letzten Buchmesse. Ich wollte artig sein, gerade sitzen und von den „Leuchttürmen der Branche“ lernen. Und natürlich ging es wieder um Social Media Marketing, einen Begriff, den ich bald nicht mehr hören kann. Vielleicht haben die Menschen da auf dem Podium ein anderes Internet als ich, aber ich komme mit diesen angeblich so hilfsbereiten und familiären Autorengruppen auf Facebook ja nicht klar.

Das ist ein Lärm da, unfassbar. Alle drängeln nur nach vorne und schreien „Hier, hier, ich! Lest mein Buch!“ Gestern las ich irgendwo sogar die Botschaft: Nur noch heute zum halben Preis, wer mein Buch jetzt nicht kauft, zahlt hinterher drauf!!! Gnnnnn … was soll ich da sagen?! Ein paar hundert anderen Autoren (die auch nur da sind, um sich selbst zu verkaufen), mit diesem sagenhaften Verlustgeschäft zu drohen, ist doch gar nicht looogisch! Für mich jedenfalls nicht, ich kauf es dann eben gar nicht und gut is‘.

Naja. Auf jeden Fall hoffte ich, die Leuchtürme könnten mir helfen, meinen Denkfehler aufzudecken, damit ich mal dahinter komme, wieso dieses ganze Social Media Gedöns mich so ausbremst, dass ich meine Igors am liebsten wieder einpacken würde. Und dann passierte das.

Ich suchte mir bei Amazon die Kindle-Bestseller der Social Media Fachleute von der Buchmesse und war frohgemut und gespannt, denn ich dachte: Cool, die bieten bestimmt grandiose Qualität, jetzt finde ich raus, wie der Hase läuft und dann kauft Igor mir von unseren Tantiemen einen pinken Cadillac, wie Elvis für seine Mama! Ich hab zwar gar keinen Führerschein, aber ich könnte dann in der Garage in dem coolen Auto sitzen. Vorausgesetzt, da ist W-Lan.

Kaum auf Amazon angekommen, fiel mir aber ins Auge, dass viele der Kindle-Bestsellerautoren zwar viele 4- oder 5-Sterne-Rezensionen haben, wie bei einem Bestseller nicht anders zu erwarten, aber auch wirklich erschreckend viele 1-Sterne-Rezensionen. Hö?, dachte die liebe Frau Groka, watt is da los?

Und natürlich, klick, interessierte Igor und mich brennend, was dahinter steckt und wir lasen stundelang Verrisse! Unfassbar. Von unterirdischer Sprache, haarsträubender Rechtschreibung, eindimensionalen, durchweg unsympathischen Charakteren war da die Rede, von „nach 20% völlig genervt vom Reader gelöscht“. Immer wieder tauchten Sätze auf wie „Ich werde garantiert keine eBooks mehr runterladen!“. Und DAS bedeutet dann für jeden eBook-Autoren, der seine ganze Leidenschaft für gute Literatur in seine Arbeit wirft, dass er diese potentiellen Leser verloren hat. Denn je öfter Leser an lieblos zusammengeschusterte eBooks geraten, die sich durch Shares und Likes verkaufen, anstatt durch Qualität, umso weniger Leser, die Qualität suchen, werden sich hier umgucken.

Und fast jeder Rezensent merkte an, er habe sich von den vielen guten Bewertungen blenden lassen und könne sich nicht erklären, wie die zustande gekommen sind. Igor und ich sahen uns betreten an, bis einer von uns leise fragte: „Social Media Marketing?“ Gute Bewertungen fangen sogar heute schon selbstverständlich an mit Einleitungen wie: „Ich fühle mich sehr geehrt vom Autor XY um eine Rezension gebeten worden zu sein … “ Tja. Wer sagt da noch: „Boar, war der Schinken langweilig … “

Sind wir tatsächlich schon so weit, dass wir unseren „Facebook-Freunden“ mehr trauen als unserem eigenen Urteil und die schlechten Rezensionen von den Lesern kommen, die eben nicht auf den einschlägigen Portalen unterwegs sind und daher der „Schwarmintelligenz“ nicht folgen können, sondern sich noch ein eigenes Urteil bilden? Das Wort Schwarmintelligenz wird in Selfpublisher-Kreisen sehr inflationär und völlig bedenkenlos benutzt. Ich gestehe ja, ich hab den Ausdruck auch letztens benutzt, als ich gesagt habe, mein einziger Schwarm sei ein etwas in die Jahre gekommener Pinguin mit leichtem Bauchansatz, aber ob man da gleich von Intelligenz sprechen könne … Aua! Ist ja gut, ich hör ja schon auf …

Auf jeden Fall ist „Schwarmintelligenz“ ein Wort, dem ich nicht so recht traue. Ich will da jetzt gar nicht erst schwermütig auf die deutsche Geschichte anspielen oder so, aber „Schwarm“ und „Intelligenz“ schließt sich für mein Empfinden aus, weil Intelligenz für mich voraussetzt, dass das einzelne Individuum erstmal innehält und selber denkt. Man kann sich dann natürlich entschließen, dem Schwarm zu folgen, keine Frage, aber dann doch bitte aus freiem Willen und aus selbst durchdachter Entscheidung heraus!

Aber ganz offensichtlich kommen im Selfpublisher-Bereich Bestseller zustande, indem diese Schwarmintelligenz durch Social Media Kampagnen freigesetzt wird. Hm. Mir fällt gerade auf, dass ich keine Ahnung habe, was ich eigentlich sagen will.

Als Fazit kann ich nur noch anschließen: Ich selbst habe auf Amazon sehr wenige, aber durchweg gute Rezensionen. Und ich kann mit Freude sagen, dass ich keinen dieser Rezensenten von irgendwoher kenne. Ich freue mich deshalb so darüber, weil ich dadurch weiß, dass mein Stil den Lesern wirklich gefallen hat. Meine Rezensionen sind nicht der Tatsache geschuldet, dass ich die süßen Katzenfotos meiner Rezensenten 200 mal geliked habe, bevor ich sie um eine Rezension bitte. Ich freue mich riesig über jede Rückmeldung, aber bei Gefälligkeitssternchen hätte ich ein dummes Gefühl.

Ein Glück. Heute Abend kommt Inspektor Barnaby. Dann muss ich mir mal 90 Minuten lang nicht selber beim Denken zuhören.

Was diese Rezension für Sie hilfreich? Ja/Nein/Weiß nicht …

Ich hab das ungute Gefühl, heute eine heilige Kuh geschlachtet zu haben.

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7 Kommentare zu “Der Lesetipp für verregnete Sonntage: Ein-Sterne-Rezensionen bei Amazon!

  1. Ich habe letztes Jahr eine Mail bekommen in der gefragt wurde, ob ich nicht ein Buch kostenlos zugeschickt bekommen möchte. Ich sei ja EXPERTE. Auf meine Antwort das ich ja in Deutschland wohne und der Verlag ja in den USA in LA sei wurde mir gesagt, das das kein Problem ist. Also habe ich denen mal meine Adresse geschickt und auch wirklich kam bei mir ein Paket mit einem Buch an. Anbei ein netter Brief mit der Bitte doch eine Rezession irgendwo im Internet zu veröffentlichen. Da ich aber eindeutig nicht die Zielgruppe für dieses Buch war. (Ich hab gelernt, das manche Sachen gar nicht Scheiße sind, wenn man sie selber scheiße findet. Man ist einfach nicht Teil der passenden Zielgruppe.) Das hat die Frau in LA auch verstanden und nicht weiter aus eine Rezession bestanden.
    Ein halbes Jahr später kam dann ein weiteres Buch, wider mit der Bitte um eine Rezession. Das Buch war zwar besser, aber jetzt fühle ich mich gar nicht mehr so geschmeichelt sondern verstand, das ich eingespannt werden sollte um billige Werbung zu machen. Das fand ich jetzt aber wirklich blöd und hab auch nichts über das Buch geschrieben. So einfach lasse ich mich nicht kaufen. Jetzt bekomme ich keine kostenlosen Bücher mehr, aber ich fühle mich besser.

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    • Ups, ich Schaf hab schon wieder vergessen, den „Antworten“-Button zu drücken! Falls du im Reader liest, kannst du die Antwort wahrscheinlich gar nicht sehen. Also: Die Antwort auf deinen Kommentar steht direkt hier drunter! 🙂

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  2. Hallo Tobias!

    Erstmal vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, deine Erfahrung in so einem ausführlichen Kommentar mit uns zu teilen! Ich entdecke darin auch einen völlig neuen Aspekt, der mir bisher gar nicht so klar war.

    Aus Sicht der Marketingbetreiber ist es natürlich der ganz große Coup, Schmeichelei als Türöffner zu benutzen. Du bist doch EXPERTE, und guck mal, ich schenk dir auch was, du musst auch gar nicht viel dafür tun … Was kostet denn ein Rezensionsexemplar im Vergleich zu Inseraten in auf die Zielgruppe abgestimmten Printmedien? Nüscht!

    Als ich angefangen habe, mich mit der Vermarktung meiner eBooks zu befassen, fand ich aus Autorensicht die Botschaft natürlich auch grandios: Du brauchst doch keinen Werbeetat, es gibt Social Media! Je länger ich mich damit befasse, umso kritischer sehe ich es aber. Scheinbar hat allein die Tatsache, dass wir können, dazu geführt, dass Portale, die vielleicht wirklich mal anders angedacht waren, zu Spamhalden verkommen. Wenn ich Autorengruppen anklicke, sehe ich nicht den lebendigen Austausch einer Cummunity, sondern einen Werbeprospekt, in dem jeder kostenlos posten kann.

    Da ich mehreren Gruppen beigetreten bin, bekomme ich immer wieder auf allen Kanälen die gleichen Werbebotschaften von den gleichen Gesichtern. Ja, auch ich habe schon die Marketingregel gehört: „Egal, wo dein Kunde hinkommt, du musst schon da sein!“, aber für mich funktioniert das irgendwie nicht, sondern weckt eher meinen Widerwillen. Ich trinke auch keine Cola, nur, weil an jeder Ecke das Logo klebt!

    Dass amerikanische Verlage aber sogar Blogger aus dem deutschsprachigen Raum kontaktieren, war mir noch gar nicht bekannt. Ich lese auch viel lieber Blogs, als meine Zeit auf FB zu verschwenden, und in Amerika haben Blogs als Meinungsmacher auch noch mal ein ganz anderes Standing als hier. So gesehen kann ich gut verstehen, dass ein amerikanischer Verlag versucht, Rezensionen von Bloggern zu bekommen. Aber: Natürlich kostenlos. Würde man von einem Journalisten erwarten, dass er kostenlos Bücher rezensiert?

    Vielleicht wird es Zeit, dass wir Blogger ein anderes Selbstverständnis entwickeln. Daher finde ich es großartig, dass du dich nicht einwickeln lassen hast. Auch, wenn du jetzt keine kostenlosen Bücher bekommst. Aber wenn du doch sowieso nicht die Zielgruppe warst, hast du ja dadurch nur gewonnen: Nämlich Zeit, in der du Artikel schreiben kannst, deren Thema du dir selbst ausgesucht hast! 🙂

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  3. Hallo Elisa

    also ich hab meinen Kindle jetzt schon ein paar Jahre und bin schon zufrieden, was e-books anbelangt. Gut, ich hab auch schon in die „Mistkiste“ gelangt und gedacht, das ist ja ein Körperverbrechen, sowas zu veröffentlichen.

    Aber: Das passierte mir eigentlich nur bei Gratis-Ebooks, oder solchen, die sehr günstig abgegeben werden. Deswegen kaufe ich eigentlich gar keine Bücher mehr unter drei oder vier € und auch nur, wenn die schon verbilligt waren.

    Von deinen Büchern hab ich nur eins gelesen: „Der Geist der vergammelten Weihnacht“ (letzte Woche in einem Zug) (also kein Eisenbahnzug 😉 ), ich mein in einem …. also ohne absetzen.

    Und ich fands gut. Ich hab das aber auch nur gelesen, weil ich deine Blogbeiträge mag und dachte, mal schaun, wie so ein Buch von ihr denn zu lesen ist. Ich denke, deine Bücher liessen sich auch teurer verkaufen! 1.99€ oder gratis??? Da kriegste ja nicht mal ‚ nen Kaffee für!
    Und ein Buch ist mir schon mehr wert als ein Kaffee!

    auch ein Moin!

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    • Hallo Iwan!

      Ich danke dir für diese Einblicke aus Lesersicht, jetzt hab ich was zum Nachdenken! Jedenfalls hat mein „Content-Marketing“ bei dir schon mal funktioniert! 😉

      Die Preisgestaltung muss ich wirklich nochmal überdenken. Ich hab mich danach gerichtet, was andere eBooks „kleiner“ Autoren kosten, allerdings hatte ich bis dahin selbst noch kein Selfpublisher-eBook gelesen … Ich will jetzt auch nicht sagen, dass die alle Schrott sind, absolut nicht, aber was ich festgestellt habe: Am Preis kann man in dem Segment nicht unterscheiden, was sich zu lesen lohnt und was nicht! 😉 Es gibt eben unglaublich tolle, kreative Texte für nix oder Pfennigbeträge, aber auch Schrott zum doppelten Preis.

      So oder so. Ich glaube, ich muss einen Liebesroman schreiben, um mehr als einen Kaffee damit zu verdienen, aber ich fürchte, wenn ich einen Titel schreibe wie „Im Kerker der Sinnlichkeit“ oder „Mätresse wider Willen“ kommt eine Parodie dabei raus …

      *seufz* Ich bin schweeermütig.

      Linkes Auge blau … *klick* 😀

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      • Ja, dein „Content-Marketing“ hat bei mir funktioniert… 😉

        Das kann ich mir schon vorstellen,dass nicht alles Schrott ist, was da für wenig bis nichts seinen Weg zum Leser findet. Aber das Aussieben ist einfach anstrengend. Ich lese auf Amazon auch immer die besten Kommentare und dann die, mit nur einem Stern…. so hoffe ich, meine mir gefallenden Bücher auszuwählen. Was sich eigentlich auch gut bewährt.

        Einen Liebesroman? Ja, eine Parodie kann ich mir da ganz gut vorstellen….*gg*

        Bestelle schon mal vor… 😆

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  4. Interessant wird es, wenn man eine kritische Rezension schreibt (über ein grottenschlechtes E-Book, dass ich als damalige Prime-Kundin ausgeliehen hatte) und dann ganz offensichtlich der Autor selbst (unter anderem Namen natürlich) die Kritik kritisiert. Wie armselig. Er konnte seinen schlechten Stil nicht mal dort so abändern, dass man ihn nicht sofort erkannt hätte. Immerhin hatte ich was zum Lachen…

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