Venus und ich!

Diese Venus hat mich unglaubliche Nerven gekostet, und das war so. In den frühen Neunzigern kam etwas in mein Grummelkontor, was die Welt bis dahin noch nicht gesehen hatte: Eine Telefax!

Sie erinnern sich vielleicht – diese piepsenden Dinger, in die man ein Bild reinschieben konnte, und am anderen Ende kam dann bei dem Menschen, den man „angerufen“ hatte, die Kopie des Bildes wieder heraus.

Ein Spielgefährte von mir hatte damals auch so ein Gerät und wir waren Tage und Wochen für die Welt verloren – wir schickten Faxe. Wir krickelten einen schwachsinnigen Zettel nach dem anderen und schickten ihn durch die Leitung. Und jedesmal, wenn eine Krickelei aus dem Fax quoll, staunten wir wie Eingeborene über Glasperlen. Und wenn man es genau betrachtet: Wir waren schließlich Eingeborene. Im Ruhrgebiet.

Im Zuge dieses faxenden Schaffensrausches kritzelte ich damals eine Venus mit Grabhügeltattoo. Diese „Tätowationierung“ hatten in den für mich prägenden Jahren im schönen Ruhrgebiet nur die ganz Harten – die mit dem Fuchsschwanz am Mopped und der Haarbürste oben in der Jeansjacke. Gruselig.

Um mich von diesem Bild zu befreien, beschloss ich damals, irgendwann eine richtige Venus mit Grabhügeltattoo zu malen. „Richtig“ heißt in dem Fall, auf Leinwand, ein Bild, das nicht durch ein Fax paßt, sondern als Kunst durchgehen kann.

Aber wie das so ist. Man zieht dreimal um, arbeitet an tausend Projekten, bekommt Kinder, erste graue Haare, gibt zu, dass manche der eigenen Lehrer früher hin und wieder Recht hatten und man besser mal in Mathe aufgepaßt hätte, kurz: Man wird erwachsen. Um nicht zu sagen alt.

Für Venus aber blieb keine Zeit. Bis es dann aber doch eines Tages so weit war. Ich brauchte dringend ein Thema für eine Blogseite, an der ich damals gearbeitet habe. Also dachte ich: Da mal ich doch eeeeben schnell eine Venus. Und das geht so:

Der erste Schritt ist immer ganz wichtig: Haare unordentlich machen, eine Hose anziehen, die vor Farbflecken auch allein stehen könnte und Chaos verbreiten – schließlich sind wir Künstler!

Wenn man alte Meister fälschen will, empfiehlt sich auch immer erst eine feine Vorzeichnung auf der Leinwand. Das hat den Charme von „Malen nach Zahlen“ und stärkt das Selbstvertrauen!

Hintergründe anlegen ist natürlich ein Job für Deppen. Meine Omma hätte dazu gesagt „Datt is ne Arbeit für einen, der Vatter und Mutter umgebracht hat!“ Voll langweilig. Das sind die Momente, wo ich die alten Meister beneide, die die Routineaufgaben an ihre Schüler abgegeben haben…

Wenn Venus dann langsam Gestalt annimmt, fängt es an, Spaß zu machen. Wobei ich wirklich sagen muss, dass ich lieber angezogene Klassiker fälsche. Ich fühl mich so…übergriffig, wenn ich an Stellen mit Licht und Schatten arbeite, wo, äh, die Sonne sonst nicht hinkommt.

Das Problem der Hand hat Botticelli clever gelöst. Denn wie malt man eine fleischfarbene Hand auf fleischfarbenen…Sie wissen schon. Botticelli ist hier einfach auf die Kunst der Zeichnung ausgewichen, denn eine Zeichnung definiert sich ja über ihre Konturen.

Diese Hand habe ich also mit einem zweihaarigen Pinsel so akribisch „gezeichnet“, dass ich Rücken hatte, als sie endlich fertig war.

Danach kam ich dummerweise auf die Idee, diese klassisch gotische Fingerhaltung auszuprobieren. Ja, gut, meine letzte Klavierstunde ist schon eine Weile her, aber ich mußte dann tatsächlich zugeben, dass meine sensiblen Künstlerhändchen im Vergleich zu Venus so flexibel sind wie abgeschnittene Gartenschlauchzipfel.

Der schönste Teil der Arbeit war dann tatsächlich das Auftragen des dezenten Make-ups. Was aber gar nicht so einfach war – Venus hatte eine Verabredung mit den Winden Zephir und Chloris und wurde von den Horen bereits erwartet. Deshalb hat sie die ganze Zeit gequengelt und gedrängelt. Hätte sie einfach still gehalten, wäre ich viel eher fertig gewesen!

Als sie dann aber endlich fertig war und in ihrer vollen Pracht und Schönheit so vor mir lag, war der perfekte Moment gekommen, ihr das Tattoo zu verpassen, auf das ich zwanzig Jahre lang mental hingearbeitet habe und dann… Ich konnte es einfach nicht.

Deswegen hat sie jetzt ein Bauchnabelpiercing. Aber ein ganz dezentes…

Die gepiercte Venus

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